Aktuelles
Eintrag vom 12.08.2026 ROSEL BLASCZYK IST TOT
Am 4. August 2026 verstarb Rosel Blasczyk im 99. Lebensjahr in einem Seniorenheim in Landau in der Pfalz.
Ein Nachruf von Dr. Meinhard Stark
Am 4. August 2026 verstarb Rosel Blasczyk im 99. Lebensjahr in einem Seniorenheim in Landau in der Pfalz.Dort hatte ich die Frau mit dem wirklich schönen, bildhaften Vornamen in den vergangenen Jahren besucht. Trotz altersbedingter Bekümmernisse war sie immer noch lebensbejahend und hatte bei passender Gelegenheit einen ihrer Scherze parat. Dies ist nicht zuletzt der innigen und aufopferungsvollen Begleitung und Pflege durch ihre einzige Tochter Susanne zu verdanken. Niemand im Heim ahnte, dass eine ihrer Bewohnerin mehr als acht Jahre in sowjetischen Haftlagern verbracht hatte, bis eine der Pflegerinnen einen Podcast über Rosel im Internet fand. Jetzt war sie in aller Munde. Für die Workutanerin zugleich erfreuende Anerkennung wie tiefe Genugtuung.
- Rosel Blasczyk, Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion in Karlsruhe, 2014
Rosel Blasczyk kam am 23. Februar 1928 in Groß Wandriß, Kreis Liegnitz, im damaligen Niederschlesien zur Welt. Sie wuchs als Tochter eines Schuldirektors und seiner Frau im Kreise von sechs Geschwistern auf. Nach der Volksschule begann sie eine Ausbildung zur Landwirtschaftslehrerin. 1945 floh die Familie vor der heranrückenden Sowjetarmee nach Westdeutschland. Anfang 1946 übersiedelte die Familie nach Beelitz in der Sowjetischen Besatzungszone. Hier wurde Rosel Blasczyk im April 1947 während einer Razzia auf einer Tanzveranstaltung von sowjetischen Soldaten verhaftet. Der Grund, ihr Ausweis, der aus der Englischen Besatzungszone stammte. Nach strapaziösen Verhören in einem Gefängnis der Besatzungstruppen in Potsdam wurde die 19-Jährige, ohne Gerichtsverfahren und Urteil, ab Sommer des gleichen Jahres im Sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert. Während der Auflösung dieses Haftlagers wurde die junge Frau nicht wie die meisten Leidensgefährtinnen entlassen, sondern in das Gefängnis Berlin-Lichtenberg überstellt. Dort teilte man ihr mit, sie sei von einem Sondergericht des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der UdSSR in Moskau wegen Spionage für den englischen Geheimdienst zu zehn Jahren "Besserungsarbeitslager" verurteilt worden. Sie ging im Herbst 1950 auf Transport und erreichte über Brest-Litowsk und Moskau den Lagerkomplex von Workuta, hinter dem Polarkreis. Unter widrigsten Existenzbedingungen leistete die junge Frau Zwangsarbeit in einer Ziegelei, beim Lehmabbau, beim Gleisbau und Holzeinschlag. Nach acht Jahren und sechs Monaten Haft wurde Rosel Blasczyk am 15. Oktober 1955 entlassen. Sie übersiedelte zu ihren Eltern nach Lüneburg in der Bundesrepublik Deutschland. Mit 27 begann sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin, die sie 1959 erfolgreich abschloss. Bis zu ihrer Pensionierung 1988 arbeitete sie in verschiedenen Einrichtungen. Sie heiratete 1961 und brachte später ihre Tochter Susanne zur Welt. Während all der Jahre hielt Rosel Blasczyk intensiven Kontakt zu ehemaligen Haftkameradinnen und war verbundenes Mitglied der Lagergemeinschaft Workuta. 2005 erfolgte ihre vollständige Rehabilitierung durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation.
Im März des Jahres 2020 war sie Gast in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und berichtete auf einer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentages über ihre Hafterfahrungen. Wer die Stimme dieser beeindruckenden Frau hören möchte, der folge dem Link des Gulag-Archiv: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/archiv/gulag-zeitzeugenarchiv/rosel-blasczyk. Hier erzählt Rosel in dem bereits erwähnten Podcast über ihr bewegtes Leben.
Nunmehr hat sich ihr Lebenskreis geschlossen, unser Mitgefühl ist bei ihrer Tochter Susanne. Entschwunden ist Rosel Blasczyk keineswegs, sie lebt in meinem, in unseren Herzen und Erinnerungen fort.
Dr. Meinhard Stark ...schließenEintrag vom 09.05.2026 WERNER GUMPEL IST TOT
Am 13.01.2026 starb Werner Gumpel im Alter von 95 Jahren. Nach schwerer Krankheit fand er nun seine letzte Ruhe.
Ein Nachruf von Dr. Peer Lange
Am 13. Januar 2026 starb Prof. Dr. Dr. h.c. WERNER GUMPEL in einem Augsburger Altenpflegeheim.
In Nachrufen der "Süddeutschen Zeitung" würdigten ihn die Münchner Universität und seine Fakultät. Seine ehemaligen Mithäftlinge im GULAG und mit diesem Teil seiner Lebensleistung Vertraute erfuhren von seinem Ableben erst spät und mittelbar.
- Werner Gumpel, bei seiner Buchvorstellung während der Belter-Dialoge im Alten Senatssaal der Leipziger Universität, 27. April 2015
Nach nur 10 Tagen im eigentlich "heimatlichen" Annaberg-Buchholz wechselte Werner auf Anraten und mit Hilfe seines Vaters sofort ins westliche Deutschland und damit auch in seine akademische Berufung: Studium der Volkswirtschaft von 1956 bis 1960 in Nürnberg (heute Universität Erlangen-Nürnberg), Promotion 1963 an der Universität Hamburg (Institut für Verkehrswissenschaft), Habilitation 1970 an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Berufung zum ordentlichen Professor dortselbst im März 1974, dort Vorstand des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Ost- und Südosteuropa.
Er lehrte seit 1965 an der Hochschule für Politik München, war dort auch Lehrbereichsvertreter für den Fachbereich III und Mitglied des Senats. Lange Jahre gehörte er dem Ost-West-Arbeitskreis des Auswärtigen Amtes und dem Energiebeirat des bayerischen Wirtschaftsministeriums an. Er war auch Präsident der Deutsch-Bulgarischen Vereinigung in Bayern e.V. sowie Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft und hat viele Jahre dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde angehört. Ihm wurde das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seine gesamte wissenschaftliche Leistung erfuhr ihre grundsätzliche Ausrichtung in der geistigen Durchdringung seiner GULAG-Erfahrung. Parteipolitisch engagiert hat er sich nach eigenem Bekunden nicht, hingegen umso mehr fachwissenschaftlich und dort auch im Verbund mit den politisch verantwortlichen politischen Gremien. Zu dieser achtungswürdigen Gesamtlebensleistung steht sein letzter, gesundheitlich stark reduzierter Lebensabschnitt in bedrückendem Gegensatz. Die gesetzlichen Auflagen des Datenschutzes behinderten im Altenpflegeheim nachhaltig eine unterstützende Hilfe bei seiner Kommunikationsbefähigung, was für einen so ausgeprägten und weithin Kontakt haltenden Akademiker entscheidend wichtig gewesen wäre. Werner war in seinem privaten Auftreten - in der Akademia, wie auch unter uns Exhäftlingen - "eher zurückhaltend, aber freundlich zugewandt", so nahestehende Freunde. Aber wenn es um die Sache ging, war er stets ebenso einsatzfreudig, wie in einer seiner Vorlesungen, als er ihn störende "68er" durch seine sofortige, aber natürlich nicht angenommene Aufforderung zur Sachdiskussion bei sich auf dem Podium augenblicks "in die Schranken wies" – ein für uns auch heute noch schmerzlich fehlendes Vorbild. Werners Leben verdient ehrende Erinnerung. P. Lange ...schließenEintrag vom 28.01.2026 DLF KULTUR: ZEITFRAGEN. FEATURE
Verlorene Zeit - Die letzten deutschen Rückkehrer aus dem Gulag
Gulag-Häftlinge. Späte Rückkehr – Vor 70 Jahren wurden die letzten in sowjetischen Lagern inhaftierten deutschen Zivilisten freigelassen.
Von Isabel Fannrich-Lautenschläger
Ab Herbst 1955 kehrten Zehntausende in sowjetischen Lagern inhaftierte Deutsche in die Bundesrepublik zurück. Ihre Geschichte hat, anders als die der Kriegsgefangenen, bis heute wenig Beachtung gefunden.
Zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 konnten nach dem ersten Moskau-Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht nur rund 10.000 Kriegsgefangene in die Bundesrepublik zurückkehren. Auch etwa 20.000 Männer und Frauen, die nach Kriegsende in der sowjetisch besetzten Zone und in der DDR als tatsächliche oder vermeintliche Systemgegner von der sowjetischen Militäradministration verhaftet und zu hohen Lager- oder sogar der Todesstrafe verurteilt wurden, kamen frei. Während die Kriegsgefangenen bei der Rückkehr begeistert empfangen wurden, wurde das Schicksal der Zivilinternierten bis heute nur wenig beachtet. Nur wenige von ihnen leben noch. Im Feature erzählen einige der Überlebenden, ebenso wie die in der Aufarbeitung engagierten Kinder, ihre Geschichte.
...schließen