Aktuelles
Eintrag vom 25.9.2026 NEUE BIOGRAFIE
Die Kurzbiografie von Walter Milutzki wurde am 25. September 2026 auf www.workuta.de veröffentlicht.
Eintrag vom 24.09.2026 GEDENKTAFEL "LETZTE ADRESSE"
Am Freitag, den 18. September 2026, wurde in Schwerin die erste "Letzte Adresse"-Erinnerungstafel in Mecklenburg-Vorpommern für Gerhard Priesemann angebracht. Die Zeremonie fand um 14 Uhr in der Walther-Rathenau-Straße 16, 19055 Schwerin, statt. Möglich wurde die Anbringung der Gedenktafel durch die Initiative der Arno-Esch-Stiftung e. V. in Zusammenarbeit mit MEMORIAL Deutschland e. V.
An diesem sonnigen Herbsttag kamen etwa 60 Gäste, darunter der Oberbürgermeister von Schwerin, Herr Sebastian Ehlers, zur Gedenkveranstaltung zusammen.
Gerhard Priesemann wurde am 11. Oktober 1911 in Rostock geboren. Nach Kriegsende trat er der CDU bei. Im Zuge der Entnazifizierung wurde Gerhard Priesemann als Lehrer aus dem Schuldienst entlassen und absolvierte eine Umschulung beim Kreisvermessungsamt in Schwerin. Ab 1947 war er dort als Planungsstatistiker tätig.
Schon früh fiel Gerhard Priesemann durch regimekritische Äußerungen über die neuen Verhältnisse in der entstehenden DDR auf. Er plante, zusammen mit seiner Familie in den Westen Deutschlands überzusiedeln. Doch dazu kam es nicht mehr. Am 30. August 1950 wurde er auf dem Weg zur Arbeit verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes (NKWD) am Demmlerplatz verbracht. Das SMT Nr. 48240 verurteilte Gerhard Priesemann am 3. Februar 1951 in einem Gruppenprozess wegen Spionage (§ 58.6), antisowjetischer Propaganda (§ 58.10) und Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation (§ 58.11) nach dem russischen Strafgesetzbuch zum Tod durch Erschießen. Zwei weitere Angeklagte wurden zu hohen Haftstrafen verurteilt, die sie vermutlich im Gulag durch Zwangsarbeit in der Sowjetunion ableisten mussten.
Nach Ablehnung seines Gnadengesuchs wurde das Todesurteil gegen Gerhard Priesemann am 14. Mai 1951 in Moskau vollstreckt. Die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation (Moskau) rehabilitierte ihn am 20. Juli 1992.
Gerhard Priesemann war verheiratet und vierfacher Familienvater. Der älteste Sohn wurde im Jahr 1941, der jüngste im Jahr 1947 geboren. Helmut Priesemann, der jüngste der Geschwister Priesemann, und seine ältere Schwester Susanne waren bei der Einweihung der Gedenktafel für ihren Vater anwesend. Helmut Priesemann erzählte, dass er so gut wie keine Erinnerungen an seinen Vater habe, wohl aber seine Schwester, die bei der Verhaftung schon sechs Jahre alt war und sich deutlich mehr an ihren Vater erinnern konnte.
Wer kann erahnen, in welchen Ängsten und Nöten die Ehefrau und Mutter von vier Kindern nach dem spurlosen Verschwinden ihres Mannes schwebte? Frau Priesemann musste ab dem Tag der Verhaftung von Gerhard Priesemann die vier Kinder alleine ernähren und war in den 1950er Jahren in Schwerin bitterster Armut ausgesetzt. Die Witwe des ältesten Sohnes Christoph erzählte in einem Nachgespräch, dass die Mutter ihre Kinder morgens länger schlafen ließ, da es kein Frühstück gab, bevor sie sie mit leeren Mägen in die Schule schickte.
Erst im Jahr 1959 wurde Frau Priesemann mitgeteilt, dass ihr Ehemann in der Sowjetunion "verstorben" sei. Und selbst diese Information war gelogen. Weder das Todesjahr noch die Umstände des Todes entsprachen der Wahrheit. Denn Gerhard Priesemann "verstarb" nicht, sondern wurde bereits am 14. Mai 1951 im Moskauer Butyrka-Gefängnis erschossen und anschließend anonym auf dem Friedhof Donskoje verscharrt.
Die Angehörigen erfuhren erst weit nach 1990 durch die Historiker von Facts and Files, Herausgeber des Totenbuches "Erschossen in Moskau" die genauen und tatsächlichen Umstände des Todes von Gerhard Priesemann.
Zwei der Söhne, Helmut und Christoph Priesemann, nahmen an einer Delegationsreise nach Moskau teil, als am 1. Juli 2005 auf dem Moskauer Friedhof Donskoje in Anwesenheit von Angehörigen, Mitgliedern von Opferverbänden sowie des damaligen Bundesratspräsidenten Matthias Platzeck, feierlich ein Gedenkstein für die deutschen Toten eingeweiht wurde.
Ziemlich genau 76 Jahre nach der Verhaftung von Gerhard Priesemann fand die Einweihung der Gedenktafel an seiner letzten Adresse am Wohnhaus in Schwerin statt. Für die Angehörigen der Familie Priesemann kann dieser Akt eine späte Genugtuung, Würdigung und Anerkennung ihres unermesslichen Leids durch das kommunistische Unrechtsregime bedeuten.
Stefan KrikowskiImpressionen

- Familie Priesemann, oben: die Eltern Anna und Gerhard Priesemann, unten: die Kinder (v.l.) Christoph, Helmut, Susanne und Henning. (Foto: ZVG Arno Esch-Stiftung)

- Hier lebte Gerhard Priesemann, Planungsstatisiker, geboren 1911, verhaftet 30.08.1950, zum Tode verurteilt 03.02.1951, In Moskau erschossen 14.05.1951, rehabilitiert 1992

- Dr. Anke Giesen (li.) (MEMORIAL Deutschland e.V.) und Dr. Rolando Schadowski (Arno-Esch-Stiftung e.V.)

- Helmut Priesemann (re.) bei der Anbringung der Gedenktafel für seinen Vater.

- Gendenkminute für Gerhard Priesemann. Susanne Priesemann (2.v.l.) mit weiteren Familienangehörigen

- Gedenktafel, Walther-Rathenau-Straße 16, 19055 Schwerin
Eintrag vom 22.09.2026 HELGA SPERLICH IST TOT
Am 30. August 2026 verstarb Helga Sperlich im Alter von 94 Jahren in Reutlingen.
Ein Nachruf von Stefan Krikowski
Wer würde erahnen, welchen Lebensweg diese Frau hinter sich hat – mit ihrem dichten, zu einem feschen Dutt gebundenen, schneeweißen Haar und dem stets leicht lächelnden Zug um die Mundwinkel? Ihre Augen, die noch immer neugierig in die Welt blicken, lassen vermuten, dass sie der jungen Generation noch so manche Lebensweisheit mit auf den Weg geben könnte. Wenn man sie denn fragen würde. Aufdrängen würde sie sich jedenfalls nicht – dafür ist sie viel zu höflich und zurückhaltend.
Helga Sperlichs Biografie ist eine deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, voller Brüche. Aber gebrochen haben sie Helga Sperlich nicht.
Geboren wurde Helga Sperlich, geb. Starke, die von allen nur Heli gerufen wurde, am 30. Mai 1932 in Landsberg an der Warthe, das heute Gorzów Wielkopolski heißt. Ihre Mutter starb unmittelbar vor ihrem achten Geburtstag. Ihr Vater war in Landsberg als Rechtsanwalt und Notar tätig. Am 30. Januar 1945 floh er mit Heli vor der anrückenden sowjetischen Armee nach Naumburg (Saale), seine Heimatstadt. Dort legte sie im Juni 1950 ihr Abitur ab. Anschließend zog die Familie nach Werder an der Havel. Von dort pendelte Heli täglich zum Astrophysikalischen Institut in Potsdam, wo sie als wissenschaftliche Rechnerin arbeitete.
In Werder erlebte sie, wie sie später erzählte, einen "verrückten Sommer" mit ihrer Cousine Ursula und vielen Freundinnen. Ihre Tante habe große Probleme gehabt, weil bei ihr ständig "Highlife" gewesen sei, erzählte Helga Sperlich später in einem Interview mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Der unbeschwerte Sommer endete abrupt mit der ersten Verhaftung.

- Helga Sperlich, 2018
Die Hoffnung währte nicht lange. Das frei gewählte Schulparlament wurde aufgelöst und durch eine FDJ-Gruppe ersetzt. Mitschüler wurden trotz guter Leistungen aus politischen Gründen nicht zur Oberschule zugelassen. Noch war die Grenze nach West-Berlin offen. Wer in Werder also nicht weiterlernen durfte, konnte in West-Berlin zur Schule gehen oder studieren.
Doch in Werder und Umgebung formierte sich Widerstand gegen die für den 15. Oktober 1950 angesetzte Volkskammerwahl mit ihren Einheitslisten. Etwa 30 junge Frauen und Männer verteilten Flugblätter und Texte gegen die Wahl, zerrissen heimlich SED-Wahlpropaganda und weigerten sich, an Fahnenappellen teilzunehmen oder irgendwelchen Funktionären Treue zu schwören. Einige der jungen Männer hatten sich aus West-Berlin sogar eine kleine Flugblattrakete besorgt, mit der sie die Flugblätter mehrere hundert Meter weit abschossen. In der Luft öffnete sich die Kapsel, und die Blätter verteilten sich über ein größeres Gebiet. Und Heli kannte einige dieser Leute. Ab und an warf sie eine Postsendung für sie ein.
Am 29. August 1951 wurde Helga Sperlich in Glindow bei Werder festgenommen. Das MfS übergab sie anschließend der sowjetischen Besatzungsmacht. Mehr als vier Monate saß sie im Gefängnis des sowjetischen Geheimdienstes in der Potsdamer Lindenstraße. Nach brutalen Verhören wurde sie dort am 8. Januar 1952 von einem sowjetischen Militärgericht wegen angeblicher Spionage zu 25 Jahren Straflager verurteilt – zusammen mit drei weiteren Frauen. Helga Sperlich wurde nach Workuta in den sowjetischen Gulag deportiert, in ein Arbeitslager jenseits des Polarkreises. Und ihre Familie wusste nicht, wo sie war. Sie war verschwunden. Spurlos.
Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt, passenderweise am Todestag Stalins, am 5. März 2020, erzählte Helga Sperlich in der Bundesstiftung in Berlin von ihrer Ankunft in Workuta. Noch immer war ihr das Entsetzen anzuhören, als sie schilderte, wie sie im Mai 1952, in einem Sommerkleid, im noch winterlichen Workuta ankam. An den Füßen zeigten sich bald erste Erfrierungen.
In speziellen Gefangenenwaggons waren sie, zusammengepfercht und notdürftig versorgt, bis in die Polargegend transportiert worden. Bei klarer Sicht konnte Helga am Horizont die Berge des Urals erkennen, doch wenn die Purga, der Schneesturm, tobte, sah sie nicht einmal mehr die eigene Hand vor Augen. Auf dem Weg zur Arbeit mussten sich alle an einer Leine festhalten. Ein falscher Schritt genügte, um die Orientierung zu verlieren – und zu erfrieren. In diesem menschenfeindlichen Klima musste die zierliche Helga Sperlich im Gleisbau schwerste körperliche Arbeit verrichten.
Woher nahm diese kaum 20jährige Frau die Kraft, das alles auszuhalten: Entbehrung, Hunger, Heimweh und Hoffnungslosigkeit? Vielleicht half ihr der Gedanke an Heini Fritsche, einen Mitgefangenen aus der Potsdamer Lindenstraße, den sie über den Austausch primitiver Klopfzeichen kennengelernt hatte.
Und wie verliebt man sich in einen Menschen, dessen Gesicht man nie gesehen, dessen Stimme man nie gehört hat? Nur einmal war Heini ihr kurz begegnet. Auf einem Menschenumschlagbahnhof in Moskau rannte er plötzlich auf sie zu – und verschwand ebenso schnell wieder. Dass auch er nach Workuta gekommen war, erfuhr Helga erst mehr als vierzig Jahre später.
Auch das Schicksal der jungen Frauen und Männer aus Werder wurde erst nach Jahrzehnten bekannt. Acht Menschen waren von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt und nach Monaten in Moskau hingerichtet worden, sieben von ihnen waren erst zwischen 20 und 24 Jahre. Vierzehn weitere wurden zu zehn bis 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Sechs junge Frauen und Männer verurteilte das Landgericht Potsdam im März 1952 zu dreieinhalb bis sechs Jahren Zuchthaus. Der kurze Sommer, den die Werderaner Jugendlichen so voller Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft erlebt hatten, war endgültig vorbei.
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurde Helga im Sommer zunächst nach Tapiau bei Königsberg transportiert. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Fritz Sperlich kennen. Auch er hatte in Workuta Gefangenschaft und Zwangsarbeit erlebt – als deutscher Kriegsgefangener. Aber erst im Dezember 1953 durfte Helga nach Hause zurück. Am 8. Januar 1954, auf den Tag genau zwei Jahre nach ihrer Verurteilung, floh sie in den Westen. Im September 1954 heiratete sie Fritz Sperlich und ließ sich in Reutlingen südlich von Stuttgart nieder. Sie wurde Mutter zweier Töchter, später Großmutter und Urgroßmutter.
Am 30. August 2026 ist Helga Sperlich friedlich in ihrem Zuhause eingeschlafen.
Wie wenig bekannt dieses Kapitel bis heute ist, zeigte sich dieser Tage in der Bundesstiftung. Eine 83-jährige Zuhörerin sagte erschüttert, sie habe von alldem noch nie gehört und wisse nicht einmal, wo Workuta liege. Ein anderer fragte, wie man so alt werden und dabei so frisch und klar bleiben könne. Und Helga Sperlich, mittlerweile 88 Jahre alt, antwortete mit trockenem Humor: „Tja, wir waren dort viel an der frischen Luft. Das tat uns anscheinend gut.“ Es ist kein Humor über das Geschehene. Es ist Humor im Leben danach – und sagt viel über Helga und ihren Umgang mit dem Erlebten aus.
Im März 1996 wurde Helga Sperlich von der russischen Generalstaatsanwaltschaft rehabilitiert. Die Initiative dazu war von einer kleinen Gruppe ehemaliger politischer Gefangener aus Workuta ausgegangen, darunter auch Heini Fritsche. Eine Entschuldigung gab es nicht, ebenso wenig eine angemessene Wiedergutmachung. Aber mehr als 40 Jahre nach ihrer Verurteilung wurde das Urteil offiziell als Unrecht anerkannt.
Wir werden Helga Sperlich stets ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt ihren beiden Töchtern und deren Familien.
Stefan Krikowski ...schließenEintrag vom 12.08.2026 ROSEL BLASCZYK IST TOT
Am 4. August 2026 verstarb Rosel Blasczyk im 99. Lebensjahr in einem Seniorenheim in Landau in der Pfalz.
Ein Nachruf von Dr. Meinhard Stark
Am 4. August 2026 verstarb Rosel Blasczyk im 99. Lebensjahr in einem Seniorenheim in Landau in der Pfalz.Dort hatte ich die Frau mit dem wirklich schönen, bildhaften Vornamen in den vergangenen Jahren besucht. Trotz altersbedingter Bekümmernisse war sie immer noch lebensbejahend und hatte bei passender Gelegenheit einen ihrer Scherze parat. Dies ist nicht zuletzt der innigen und aufopferungsvollen Begleitung und Pflege durch ihre einzige Tochter Susanne zu verdanken. Niemand im Heim ahnte, dass eine ihrer Bewohnerin mehr als acht Jahre in sowjetischen Haftlagern verbracht hatte, bis eine der Pflegerinnen einen Podcast über Rosel im Internet fand. Jetzt war sie in aller Munde. Für die Workutanerin zugleich erfreuende Anerkennung wie tiefe Genugtuung.
- Rosel Blasczyk, Jahrestreffen der Lagergemeinschaft Workuta/GULag Sowjetunion in Karlsruhe, 2014
Rosel Blasczyk kam am 23. Februar 1928 in Groß Wandriß, Kreis Liegnitz, im damaligen Niederschlesien zur Welt. Sie wuchs als Tochter eines Schuldirektors und seiner Frau im Kreise von sechs Geschwistern auf. Nach der Volksschule begann sie eine Ausbildung zur Landwirtschaftslehrerin. 1945 floh die Familie vor der heranrückenden Sowjetarmee nach Westdeutschland. Anfang 1946 übersiedelte die Familie nach Beelitz in der Sowjetischen Besatzungszone. Hier wurde Rosel Blasczyk im April 1947 während einer Razzia auf einer Tanzveranstaltung von sowjetischen Soldaten verhaftet. Der Grund, ihr Ausweis, der aus der Englischen Besatzungszone stammte. Nach strapaziösen Verhören in einem Gefängnis der Besatzungstruppen in Potsdam wurde die 19-Jährige, ohne Gerichtsverfahren und Urteil, ab Sommer des gleichen Jahres im Sowjetischen Speziallager Sachsenhausen interniert. Während der Auflösung dieses Haftlagers wurde die junge Frau nicht wie die meisten Leidensgefährtinnen entlassen, sondern in das Gefängnis Berlin-Lichtenberg überstellt. Dort teilte man ihr mit, sie sei von einem Sondergericht des Ministeriums für Innere Angelegenheiten der UdSSR in Moskau wegen Spionage für den englischen Geheimdienst zu zehn Jahren "Besserungsarbeitslager" verurteilt worden. Sie ging im Herbst 1950 auf Transport und erreichte über Brest-Litowsk und Moskau den Lagerkomplex von Workuta, hinter dem Polarkreis. Unter widrigsten Existenzbedingungen leistete die junge Frau Zwangsarbeit in einer Ziegelei, beim Lehmabbau, beim Gleisbau und Holzeinschlag. Nach acht Jahren und sechs Monaten Haft wurde Rosel Blasczyk am 15. Oktober 1955 entlassen. Sie übersiedelte zu ihren Eltern nach Lüneburg in der Bundesrepublik Deutschland. Mit 27 begann sie eine Ausbildung zur Hauswirtschaftsleiterin, die sie 1959 erfolgreich abschloss. Bis zu ihrer Pensionierung 1988 arbeitete sie in verschiedenen Einrichtungen. Sie heiratete 1961 und brachte später ihre Tochter Susanne zur Welt. Während all der Jahre hielt Rosel Blasczyk intensiven Kontakt zu ehemaligen Haftkameradinnen und war verbundenes Mitglied der Lagergemeinschaft Workuta. 2005 erfolgte ihre vollständige Rehabilitierung durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation.
Im März des Jahres 2020 war sie Gast in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und berichtete auf einer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentages über ihre Hafterfahrungen. Wer die Stimme dieser beeindruckenden Frau hören möchte, der folge dem Link des Gulag-Archiv: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/archiv/gulag-zeitzeugenarchiv/rosel-blasczyk. Hier erzählt Rosel in dem bereits erwähnten Podcast über ihr bewegtes Leben.
Nunmehr hat sich ihr Lebenskreis geschlossen, unser Mitgefühl ist bei ihrer Tochter Susanne. Entschwunden ist Rosel Blasczyk keineswegs, sie lebt in meinem, in unseren Herzen und Erinnerungen fort.
Dr. Meinhard Stark ...schließenEintrag vom 09.05.2026 WERNER GUMPEL IST TOT
Am 13.01.2026 starb Werner Gumpel im Alter von 95 Jahren. Nach schwerer Krankheit fand er nun seine letzte Ruhe.
Ein Nachruf von Dr. Peer Lange
Am 13. Januar 2026 starb Prof. Dr. Dr. h.c. WERNER GUMPEL in einem Augsburger Altenpflegeheim.
In Nachrufen der "Süddeutschen Zeitung" würdigten ihn die Münchner Universität und seine Fakultät. Seine ehemaligen Mithäftlinge im GULAG und mit diesem Teil seiner Lebensleistung Vertraute erfuhren von seinem Ableben erst spät und mittelbar.
- Werner Gumpel, bei seiner Buchvorstellung während der Belter-Dialoge im Alten Senatssaal der Leipziger Universität, 27. April 2015
Nach nur 10 Tagen im eigentlich "heimatlichen" Annaberg-Buchholz wechselte Werner auf Anraten und mit Hilfe seines Vaters sofort ins westliche Deutschland und damit auch in seine akademische Berufung: Studium der Volkswirtschaft von 1956 bis 1960 in Nürnberg (heute Universität Erlangen-Nürnberg), Promotion 1963 an der Universität Hamburg (Institut für Verkehrswissenschaft), Habilitation 1970 an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Berufung zum ordentlichen Professor dortselbst im März 1974, dort Vorstand des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Ost- und Südosteuropa.
Er lehrte seit 1965 an der Hochschule für Politik München, war dort auch Lehrbereichsvertreter für den Fachbereich III und Mitglied des Senats. Lange Jahre gehörte er dem Ost-West-Arbeitskreis des Auswärtigen Amtes und dem Energiebeirat des bayerischen Wirtschaftsministeriums an. Er war auch Präsident der Deutsch-Bulgarischen Vereinigung in Bayern e.V. sowie Vizepräsident der Südosteuropa-Gesellschaft und hat viele Jahre dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde angehört. Ihm wurde das Bundesverdienstkreuz verliehen. Seine gesamte wissenschaftliche Leistung erfuhr ihre grundsätzliche Ausrichtung in der geistigen Durchdringung seiner GULAG-Erfahrung. Parteipolitisch engagiert hat er sich nach eigenem Bekunden nicht, hingegen umso mehr fachwissenschaftlich und dort auch im Verbund mit den politisch verantwortlichen politischen Gremien. Zu dieser achtungswürdigen Gesamtlebensleistung steht sein letzter, gesundheitlich stark reduzierter Lebensabschnitt in bedrückendem Gegensatz. Die gesetzlichen Auflagen des Datenschutzes behinderten im Altenpflegeheim nachhaltig eine unterstützende Hilfe bei seiner Kommunikationsbefähigung, was für einen so ausgeprägten und weithin Kontakt haltenden Akademiker entscheidend wichtig gewesen wäre. Werner war in seinem privaten Auftreten - in der Akademia, wie auch unter uns Exhäftlingen - "eher zurückhaltend, aber freundlich zugewandt", so nahestehende Freunde. Aber wenn es um die Sache ging, war er stets ebenso einsatzfreudig, wie in einer seiner Vorlesungen, als er ihn störende "68er" durch seine sofortige, aber natürlich nicht angenommene Aufforderung zur Sachdiskussion bei sich auf dem Podium augenblicks "in die Schranken wies" – ein für uns auch heute noch schmerzlich fehlendes Vorbild. Werners Leben verdient ehrende Erinnerung. P. Lange ...schließenEintrag vom 28.01.2026 DLF KULTUR: ZEITFRAGEN. FEATURE
Verlorene Zeit - Die letzten deutschen Rückkehrer aus dem Gulag
Gulag-Häftlinge. Späte Rückkehr – Vor 70 Jahren wurden die letzten in sowjetischen Lagern inhaftierten deutschen Zivilisten freigelassen.
Von Isabel Fannrich-Lautenschläger
Ab Herbst 1955 kehrten Zehntausende in sowjetischen Lagern inhaftierte Deutsche in die Bundesrepublik zurück. Ihre Geschichte hat, anders als die der Kriegsgefangenen, bis heute wenig Beachtung gefunden.
Zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 konnten nach dem ersten Moskau-Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer nicht nur rund 10.000 Kriegsgefangene in die Bundesrepublik zurückkehren. Auch etwa 20.000 Männer und Frauen, die nach Kriegsende in der sowjetisch besetzten Zone und in der DDR als tatsächliche oder vermeintliche Systemgegner von der sowjetischen Militäradministration verhaftet und zu hohen Lager- oder sogar der Todesstrafe verurteilt wurden, kamen frei. Während die Kriegsgefangenen bei der Rückkehr begeistert empfangen wurden, wurde das Schicksal der Zivilinternierten bis heute nur wenig beachtet. Nur wenige von ihnen leben noch. Im Feature erzählen einige der Überlebenden, ebenso wie die in der Aufarbeitung engagierten Kinder, ihre Geschichte.
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